Industrie wird Pufferlager benötigen: Über die Chancen der Logistikimmobilien in der Nach-Corona-Zeit

Industrie wird Pufferlager benötigen: Über die Chancen der Logistikimmobilien in der Nach-Corona-Zeit

Vier Fragen an Peter Wenzel, Geschäftsführer RLI Investor,  erschienen in der F.A.Z. vom 15.01.2021.

Logistikflächen gehören zu den Gewinnern des abgelaufenen Immobilienjahres, weil sie für den stark gewachsenen Online-Handel notwendig sind. Ist bei einem Ende der Corona-Krise mit einem Abflachen der Logistik-Nachfrage zu rechnen?

Wir gehen eher vom Gegenteil aus. Die fortschreitende Digitalisierung sowohl der Gesellschaft als auch der Geschäftsprozesse sorgte in den letzten Jahren für einen E-Commerce-Boom. Durch Corona hat das Einkaufsverhalten der Endkonsumenten einen weiteren Schub erfahren. Hersteller und Handelsunternehmen von Konsumgütern sowie ihre Logistikdienstleister, die bereits eine funktionierende Multi-Channel-Strategie implementiert haben, zählten in den vergangenen Monaten zu den Gewinnern. Andere Unternehmen werden nachziehen und sich für die Zukunft aufstellen. Zudem wird die Industrie zur Sicherung des Nachschubs Pufferlager benötigen, um Verzögerungen der Prozesse in der Herstellung oder bei der Kommissionierung zukünftig zu vermeiden.

Sind Logistikimmobilien für Anleger inzwischen zu teuer?

Ob sie zu teuer geworden sind, ist eine Frage der individuellen Renditeerwartung. Unumstritten ist, dass die Assetklasse Logistik mittlerweile ein fester Portfolio-Bestandteil institutioneller und vermögender Anleger ist. 2020 sind Logistik- neben Wohnimmobilien zum Liebling der professionellen Investoren aufgestiegen. Logistikimmobilien haben in der Vergangenheit auch in konjunkturell schwachen Zeiten immer Überrenditen geliefert. Aktuell liegen sie aufgrund von hohen Einstandspreisen und gestiegenen Bau- und Grundstückspreisen in Deutschland bei einem Tiefstand von 3,5 Prozent. Anleger, die attraktivere Renditen von 5 bis 6 Prozent ohne übermäßige Risiken suchen, können ihr Portfolio um Logistikimmobilien in ausgesuchten, wirtschaftlich weiter aufstrebenden EU-Nachbarländern mit hoher Nutzernachfrage erweitern. Dazu gehören Polen und Tschechien, aber auch die benachbarten Niederlande. Eine Schlüsselrolle kommt dem beauftragten Asset-Manager zu. Er sollte auf Logistikimmobilien spezialisiert sein und sein Handwerk in den jeweiligen Zielländern verstehen. Dazu gehören langjährige Expertise, belegbare Erfolge, ein belastbares Netzwerk – und eine hohe Effizienz bei transparenten Kosten.

Wie lassen sich Kommunen dazu bewegen, mehr Flächen für die urbane Logistik zur Verfügung zu stellen?

Die Zeit für verhärtete Positionen ist vorbei. Lösungsorientierte Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Wirtschaft und Politik wird die innerstädtische (Versorgungs-) Logistik zum Erfolg bringen. Viele Kommunen haben Grundstücken für Wohn- und Büroimmobilien in der Vergangenheit den Vorzug gegeben. Zukünftig werden sie wieder mehr für Industrie und Logistik ausweisen, um die regionale Produktion zu ermöglichen. Neue Lösungen bedürfen einer Offenheit sowohl hinsichtlich technischer Lösungen, konzeptioneller Ansätze sowie regulativer Entscheidungen und das entsprechende Personal, auch in der Verwaltung. Seitens der Logistik bringt dieses mit sich, die gesamte Lieferkette effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten. Aus immobilientechnischer Sicht werden großvolumige, umweltfreundlich errichtete Logistikzentren vor den Toren der Stadt unabdingbar sein, die zukünftig zusätzlich durch großflächige Solaranlagen auf den Dächern zu lokalen Stromproduzenten und -lieferanten werden. In den Städten sorgen deutlich kleinere sogenannte Micro Hubs für die Versorgung der “letzten Meile”, die verstärkt aus dem Abriss alter Gebäude und der Errichtung zukunftsorientierter Neubauten gewonnen werden.

Gefährden Mobilitätsbeschränkungen, wie sie von vielen Kommunen ins Auge gefasst werden, die Expansion der Logistik?

Wir gehen davon aus, dass Kommunen nach der Corona-Krise mehrstufige Präventionskonzepte entwickeln werden, um sich für zukünftige Ausbrüche von Infektionen zu wappnen. Eine große Rolle werden die Versorgungssicherheit und funktionierende Lieferketten spielen. Von daher werden Mobilitätsbeschränkungen für die Bevölkerung eher zu einer Zunahme der Logistikaktivitäten führen.

Die Fragen stellte Michael Psotta, verantwortlicher Redakteur für den Immobilienmarkt der F.A.Z.

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Kategorie: Presse und Pressemeldung.

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